Regenbogenschwarz (Dritte Nacht)

Es war 8 Uhr abends in Salims Bar. Emiia war bereits seit drei Stunden da und hatte die Universität erfolgreich hinter sich gebracht. Spätestens als sie hier gewesen war und sich umgezogen hatte, die schwarze Schürze umgelegt hatte, war die Maske wieder aufgesetzt. In ihrer Sturheit hatte sie geglaubt sie könnte es machen wie mit ihrer Vergangenheit, alle sentimentalen Gefühle ersticken konnte. Förmlich, so hatte sie es sich ausgemalt, wie in eine Kiste hatte sie alles hineingelegt und unter der Erde begraben. Und sie glaubte es würde ihr gelingen, so wie sie schon die Schmerzen der Kindheit verscharrt hatte. Wie viel Überwindung es sie gekostet hatte und wie sie sich selbst Mut zusprach; denn tief in ihr war es so gewesen, als hätte sie ihren Schosshund zum Sterben an einem verschollenen Autobahnrastplatz ausgesetzt. Zwischen den Bestellungen von Weizenbieren, Branntwein und Roséweine wollte sie verdrängen; wenig Zeit finden um die Maske abzusetzen. Mittwoch Abende wie dieser waren eher mäßig. Es war nicht viel los und die Gäste waren erträglich. So ruhig, dass Salim den Tag oft nutze um im Hinterzimmer den letzten Monat nachzurechnen, Bestellungen aufzugeben und manchmal um einfach gar nichts zu tun. Er ließ Emilia an diesen Tagen freie Hand.

Der Innenhof der Bar war ihr Pausenraum. Er war wenige Meter groß, quadratisch und hatte etwas von einem orientalischen Patio. Der Betonboden war verlebt; hier und da von grünem Moos und Algen bedeckte Platten, durchzogen von Rissen aus denen im Frühling dunkelgrünes Gewächs brach; Gras und Unkraut. An den ockerbraunen Wänden krochen Triebe vom wilden Wein hinauf; im Sommer waren der abgeplatzte Putz unter ihrem grünen Blätterkleid verborgen. Um diese Jahreszeit trugen die abgerissenen, vereinzelnden kahlen Luftwurzeln und lichtfliehenden Äste eher dazu bei, der Wand ein Bild der Jämmerlichkeit zu schenken. Zwei orientalische Eisenstühle, deren rostbraune Farbe von ihrem strengen geometrischen Muster ablenkten und ein passender runder hüfthoher Tisch, an dem die vielen Regentage und die stehende, feuchte Luft des Hofes gezerrt hatten. Es war nur der glasierte brombeer-schwarze Aschenbecher, der der Witterung stand gehalten hatte. Und als wenn Salim alles verdecken wollte, den Hof nicht als Teil der Bar sah, erhellte nur der schwache Leuchtdraht einer Glühbirne den Raum in einem matten Orange.

So stand Emilia wieder rauchend in diesen Innenhof und suchte, abgewandt von der quietschenden Durchgangstür, an den Fassaden zwischen grauen Schlaglöchern und Wurzelwerk nach Mustern wie andere in vorbeiziehenden Wolken.

Das Öffnen und Schließen der Tür, das kurz das Treiben der Bar hören ließ, begleitend von einem Klirren und Krachen, unterbrach ihre Musterung nicht. Sie ließ es darauf ankommen, dass Salim sie mit einem ärgerlichen Ton hereinholte. Meistens würde er sich eine Zigarette anzünden. Sie hatte bereits den vierten Zug an der Zigarette gezogen und konnte nicht das Zischen eines Feuerzeugs vernehmen, aber spürte jemanden mit sich im Hof stehen. Mit dem fünften Zug erreichte sie ein süßer Duft nach schwarzem Tee mit einer leichten Citrus-Note. Sie drehte sich zum runden Tisch herum und wollte ihren Glimmstängel, von dem noch gut ein Viertel übrig war, eilig im Aschenbecher ersticken. Ein Schreck fuhr ihr durch die Glieder, als sie nicht Salim sah. Hellgrauer Nebel lag in der Luft und machte es noch schwerer, im künstlichen Licht etwas zu sehen; nahm sie einen blauen glühenden Punkt wahr. Sie strengte ihre Augen an, um den ungewohnten Anblick besser zu erfassen; der Nebel lichtete sich und ein deutlich tieferer Stich kam in ihr auf; er stand da und blickte sie zwischen dem blauen Glühen an. Glitzernde Augen und ein angedeutetes Lächeln waren zu sehen und fast schon etwas von Überlegenheit war zu hören, als die edelmütige Stimme ein „Hallo“ sprach.

Emilia rang um Fassung; versuchte sich die Maske aufzusetzen, doch mit ihren Rissen hatte sie gerade mehr mit den Betonplatten gemein. Ihre unsichere Stimme wollte seinen Namen aussprechen und versagte dabei wie ein Schulkind, dass zum ersten Mal versuchte ein fremdsprachiges Lied nachzusingen. Könnte man ihre mentale Gesichtsbedeckung wirklich sehen, hätte er ein halbverhülltes Weinen, zwischen Freude und Enttäuschung, erkannt. Sein Lächeln wurde breiter, während er einen tiefen Zug aus einem schwarzen kleinen Stab nahm; es glimmte ein azurblaues Licht auf. Emilia war verblüfft, es war eine elegante E-Zigarette, deren Dampf diesen Geruch verströmte der sie an Earl Grey erinnerte. „Sie haben sich meinen Namen eingeprägt, welche Ehre,“; Emilia wusste nicht, ob sie in seiner Stimme Verachtung, Respekt oder beides deuten sollte. Sie musterte ihn. Er war wieder in schwarz gekleidet, allerdings trug er dieses Mal ein schwarzes Hemd mit einem Vatermörder-Kragen, hochgeschlossen bis zu seinem Bart und Ärmeln die Spitz zuliefen wie Haifischflossen. Seine Brust und Arme zeichnete sich ab; eine athletische Silhouette die in ihr etwas niederes weckte, Blut durch ihren Körper schoss und ihr Herz schneller schlagen ließ. Sie wollte es nicht zulassen und erinnerte sich an das Versprechen an der Raststätte und dem Paket mit schwarzer Schleife, das sie dort gelassen hatte. Etwas wirr und respektlos sagte Emilia: „Der Innenhof ist nicht für Gäste, sondern nur das Personal. Bitte gehen Sie zum Rauchen auf die Straßenseite heraus.“ Mit Unglauben nahm er die Antwort an, die so gar nicht dem Verlauf entsprechen sollte. „Entschuldigen Sie; von der lärmenden Straße bin ich gerade gekommen und dachte ich überbrücke den Moment hier in der Stille. Es war niemand in den letzten 10 Minuten in der Bar und hat mich bedient. Das nächste Mal halte ich mich daran, Ehrenwort.“ Tatsächlich waren ihre Worte an ihm abgeprallt und hatten keinen Eindruck hinterlassen, mit geschlossenen Augen pustete er den letzten Dampf so abgefälscht in die Luft, dass er ihr Gesicht nicht traf. Und so wie der Rauch den Innenhof verhüllte war es sein sanfter ritterhafter Duktus, der sie umgab. Sein Genuss war der gleiche Ausdruck wie gestern Abend; schwerelos stand er da für den Moment. Sie nahm alles in sich auf und ging dann hinein, um ihrer Ansage mehr Ausdruck zu verleihen. Aber auch um hinter der Theke in Sicherheit zu gehen. Der Mann in schwarz hatte längst seine Augen geöffnet und war wieder in der Bar. Von ihrem Platz konnte sie sehen dass er wieder am selben Tisch saß. Eine anthrazitfarbene Jacke, die im Licht blau schimmerte, lag über dem Stuhl. Er schien sich gerade zu sammeln, vor ihm lag ein Blatt Papier, kein Tablett. Sie nahm eine Karte und ihr Erfassungsgerät und schritt an den Tisch.

Serafin blickte bereits zu ihr. Eine vorstoßende, fast kühne Neugierde lag in seinem Blick. „Möchten Sie heute wieder einen Espresso oder darf es etwas anderes von der Karte sein.“ Er nahm die Karte entgegen und Emilia konnte seine rechte Hand besser erkennen, die helle Narbe, die sich quer über den Handrücken abzeichnete. Sie war sehr markant, sah aus wie eine wilde Landschaft mit tiefen Einfurchungen auf seiner Haut. „Darf ich mit etwas anderem anfangen?“, begann Serafin, legte die Karte zur Seite und stützte sich vom Tisch mit dem Ellenbogen ab, beide Hände zusammengenommen wie zum Gebet, sein Bizeps spannte sich deutlich im schwarzen Hemd. „Sie wissen meinen Namen. Ich finde es unhöflich von mir, wenn Sie namenlos bleiben. Immerhin bin ich heute das zweite Mal da und fast ein Stammgast.“ In seiner Stimme lag etwas dreistes, lustiges. Emilia ließ sich darauf ein, mit einem breiten Lächeln und innerer Freude sagte sie „Ich heiße Emilia, hocherfreut.“ Serafin erwiderte ihre herzhafte Hart mit seinem Augen, setzte aber gleich darauf an: „Emilia, was für ein schöner Name. Ist es zuviel wenn ich Sie frage, wie ihr ganzer Name heißt? Meine Intuition sagt mir, dass sie wie ich aus der Ferne stammen. Emilia…“ Sie war überrascht von seiner Frage„Emilia Crncevic.“, ein schiefer Sing-Sang war ihr Name, vom schönen Klang des Vornamens zu einem dunklem und tiefem „Kr-Uhn-Sevitsch“. Es hatte mehr etwas von einem Fluch, als einem Zauberspruch. „Crncevic“, geübt, fast schon identisch, sprach der Mann in schwarz es aus und ergänzte: „das ist serbisch, nicht wahr?“ Emilia schluckte ob der Kenntnis von ihm. Ein weiterer Stich fuhr tief in sie hinein, weil es Erinnerung an ihre Heimat weckte. Es schnürte ihr den Hals zu, die Enge war unangenehm und eine Traurigkeit kam in ihr auf, die selbst ihre Maske kaum verbergen konnte. Serafin Blick wandte sich von ihr ab, er hielt kurz inne und verstand. Er lenkte das Gespräch um: „Emilia, wissen Sie was? Ich trinke wieder ein Espresso. Der Barista versteht etwas von seinem Handwerk und der Abend wird noch lang.“ Damit wehte er in Teilen ihre Gefühle weg und sie ging zur Espressomaschine, um dieses Mal selbst einen Kaffee für ihn zuzubereiten. Sie ließ sich Zeit, musterte ihn aus der Ferne. Eine erste Vertrautheit keimte in ihr auf, wie er sich dieses Mal mit einer anderen Garderobe zeigte. Der hohe Kragen verlieh ihm etwas sonderbares in seiner Silhouette, fremdartig. Er schien mit Bedacht zu wählen was er trug, das gefiel ihr. Dieses Mal schien er nicht zu zeichnen, sondern das Blatt Papier vor sich intensiv zu lesen. Etwas meditatives lag in ihm, wie er sich vertieft darüber beugte. Seine Hände hatte er weiterhin gefaltet und stützte sein Kinn daran ab. An seinen Fingern konnte sie zwei Ringe erkennen. Sie hatte den Espresso mit größter Mühe zubereitet und ging mit dem Gedeck aus Espresso und Wasser an den Tisch heran. Eine der Ringe war grau gehalten, der andere silber. Einer der Ringe hatte keine glatte Struktur, sondern schien graviert oder beschlagen zu sein. Es war zu fein für Emilia, sie konnte das Muster nicht entziffern. Der andere Ring war von einem kleinen weissen Edelstein verziert. Sie dachte daran, dass es ein Hochzeitsring sein könnte, doch er trug beide Ringe am jeweiligen Mittelfinger. Die Eindrücke befeuerten ihre Gedanken, die viele Konzentration machten sie unwohl, überanstrengte sie. Er wollte ihren Namen wissen, was auf ein Interesse deuten könnte; als sie ihm jetzt einen Espresso brachte, kam nur ein leises „Danke“ aus ihm, ohne seinen Blick von seinem Blatt zu nehmen. Sie hatte auf einen Erfolg gehofft, so viel Mühe hatte sie sich gegeben. Das dämpfte ihre Gefühle, empfand sie als unhöflich und strafte sie damit, dass sie sich den anderen Gästen zuwandte, Bestellungen aufnahm und abkassierte. Etwa nach einer halben Stunde ging er vor die Tür, dieses Mal zur Straßenseite. Er hatte sich seine Jacke übergezogen, deren Kragen seine Hemdspitze überdeckte, wie ein Trenchcoat wirkte. Beim Vorbeigehen zu einem anderen Gast sah sie, dass er die Tasse und das Glas ausgetrunken hatte und nahm beides zu sich. Er war mit dem Rücken zur Glasfront geneigt, der Dampf in der Luft um ihn, er rauchte. Sie nutzte den Moment, um einen Blick auf das Blatt Papier zu werfen. Sie konnte nicht widerstehen und las mit schnellen Augen und pochenden Herz:

Sieh, das ist unsere Liebe.
Unsere Hände reichen sie hin und her,
unsere Lippen bedecken sie mehr und mehr
mit Worten und Küssen sehnsuchtsschwer,
unsere Seelen grüßen sich hin und her –
wie über ein Meer – wie über ein Meer.
Diese Rose, vom Duft unserer Seelen schwer:
Sieh, das ist unsere Liebe.*

Der Text war umgeben von handschriftlichen Ergänzungen, Unterstreichungen und einer Zeichnung, die sie näher musterte, es war ein skizzenhafter Ozean, in dem sich ein Mond oder die Sonne spiegelte. Sie erschrak, als von der Seite eine Stimme ertönte: „Gefällt Ihnen der Text? Es ist ein Gedicht von Christian Morgenstern.“ Sie fühlte sich ertappt, doch Serafin nahm einfach Platz, reichte ihr das Blatt, in seiner Stimme lag keinerlei Wut. „Es ist… schön. Entschuldigung, dass ich mir ihre Sachen angesehen habe“, sagte sie und entfernte sich vom Tisch und zwar so, dass er ihre Schamröte nicht sehen konnte. Serafin schmunzelte und verstand, was los war. Doch er rief ihr hinterher, streckte den Arm zu ihr: Emilia, warten Sie. Ich möchte noch etwas trinken.“ Sie hörte es und vertröstete ihn für einen Moment. Sie ging auf die Toilette für die Bediensteten. Sie musste sich sammeln. Sie hatte allerlei sonderbare Gäste erlebt. Sonderbar hieß aber in Samirs Bar, das Gäste ausfallend werden würden, betrunken waren oder sich im schlimmsten Fall übergaben, teils in der Bar oder vor der Bar. Sie konnte sich aus Serafin keinen Reim machen. Sie fühlte sich angezogen von ihm, weil er interessant war. Sein Äußeres, aber auch seine Gesten. Er hatte mehr als eine halbe Stunde diese Zeilen betrachtet. Sie hatte den Eindruck gewonnen, er würde eine Offenbarung lesen, so fixiert waren seine Augen, ein Ausdruck von Wonne lag darauf. Jetzt hatte sie gesehen, dass es wenige Worte waren, ein Liebesgedicht – schön, für sie in allem bizarr. Er mischte ihren Alltag auf, das gefiel ihr. Die Aura die er einbrachte, die Selbstsicherheit und vielmehr doch das Rätselhafte. Das letzte Mal hatte er einen Wolf gemalt, jetzt las er Gedichte. Was würde noch folgen? Das warme wohlige Gefühl kehrte wieder in sie hinein, doch die große Unsicherheit in ihr konnte es nicht nehmen. Mit einem wirren Gefühl im Magen saß sie noch einen Moment dort, ehe sie die Tür öffnete und der Lärm der Bar zurückkam. Sie passierte den Tresen und blickte in Samirs plumpe Augen, in dem sei den ungeduldigen Ausdruck erkennten konnte. „Emilia, du weißt doch dass ich heute Inventur mache, es ist dein Job die Gäste zu bedienen. Wo warst du? Einen habe ich jetzt abkassiert und dem schrulligen Typen von gestern habe ich einen Gin on the Rocks gebracht. Das wäre dein Job gewesen.“ Sie entschuldigte sich und war wieder bei der Sache. Es verpasste ihr einen Dämpfer, dass der Mann in schwarz einen Gin trank. Sie hatte sich eingebildet, jemand wie er, dieser edelmütige Ritter, wäre frei von Lastern, zumindest vom Alkohol. Zu viele schlechte Erinnerungen hatte sie an Männer, die tranken. Sie wollte das nicht, sie wollte nicht jemanden an sich heranlassen, sich auf etwas einlassen und kam sich blauäugig vor, überhaupt so viel in das zu interpretieren, was nicht da war. Sie redete sich stur ein, er würde sein wie alle anderen Männer, steigerte sich in den Gedanken, dass Abscheu in ihr Platz nahm. Hin und wieder blickte sie zu Serafin, der inzwischen mehrere Blätter um sich gelegt hatte und sichtlich vergnügt damit war, in ein Notizbuch mit schwarzen Einband zu schreiben. Mit jedem Mal sprach ihre Stimme zu ihr, ertränke sie die Gefühl und dachte an die Onkeln, Cousins und Jungen, die für sie schlimm waren, damals. Sie wusste diese Gedanken waren eine trügerische Sackgasse und drängte sich auf, zwang sich dazu sich abzulenken, in dem sie Glas für Glas spülte, trocknete und übereifrig in den Schrank stellte. Mit aufgezwungen Emotionslosigkeit brachte sie den letzten beiden Gestern, Serafin und einer unscheinbaren Frau, Ende Vierzig, die hier und ab in Salims Bar kam, die Getränke. Der Mann in schwarz hatte ein Mineralwasser bestellt; nachdem der Gin nur angebrochen schien, vielleicht auch das Wasser der geschmolzenen Eiswürfel das Glas wieder gefüllt hatte. Das und das Mineralwasser gaben ihr etwas Hoffnung, er wäre kein Trinker. Der Rest des Abends verlief bis dahin mühelos und halbwegs gut, Emilia verspürte nicht den Drang nach einer Zigarette.

Es war 23:00 Uhr, als Serafin nach der Rechnung fragte. Emilia schien sich verkalkuliert zu haben, hatte gehofft es würde sich eine Verstrickung ergeben, in dem er sie in ein Gespräch verwickelte und sah nun, dass der letzte Akt für heute anbrach, er vielleicht nie wieder kommen würde. Dieses Mal wollte er bar zahlen, nicht mit Karte. „War alles in Ordnung für Sie, Herr do Mar?“ Serafin hatte gerade seine Geldbörse aus seiner Hosentasche geholt, die Scheine mit der Summe abgeglichen als er sie auf den Tisch legte, seine Bewegungen unterbrach und seine Augen auf ihr ruhen ließ. Sie spürte, wie seine Pupillen sich in sie gruben, intensiver Augenschlag, bevor sein Wort sie aus der Spannung rissen: „Ja, es war alles in Ordnung. Das stimmt so. Ich wünsche Ihnen eine wundervolle Nacht, Emilia Crncevic.“ Er sprach ihren Namen mit Bedacht und Eleganz aus, es klang so gar nicht nach Flüchen. „Das wünsche ich Ihnen auch, Herr do Mar Leñador“, wiederum klang es etwas holprig, unsicher, fast schon ulkig. Er hatte seine Sachen zusammengepackt und seinen Mantel angezogen, warf ihr einen letzten Satz zu: „Oh, das werde ich. Es ist Vollmond. Wunderbar.“, er öffnete die Tür nach außen und sagte achtlos Samir, der an der Theke die letzten Gläser spülte ein floskelhaftes „Ciao“, Samir erwiderte es mit der gleichen förmlichen Weise mechanisch. Als die Tür geschlossen war und sich Serafin mit seinen Schritten entfernte, in der Dunkelheit aufging, spottete Samir: „Was für ein Schnösel, nimmt der sich wichtig. Aber immerhin hat er dir ein gutes Trinkgeld gegeben, oder? Der steht doch auf dich, Emilia.“ Sie winkte ab und wollte verlegen nicht darauf eingehen, doch das Trinkgeld war mehr als üppig ausgefallen, machte fast den gleichen Betrag aus wie die eigentliche Summe. Emilia war wieder in den Bann gezogen, fragte sich wieder was all das sollte. Sie half Salim dabei die Bar zu schließen und verließ gegen 23:50 Uhr die Bar.

Mit einem wolligen Gefühl, als hätte sie einen Triumph erlegt, fast schon tänzelnd, ging sie mit ausgelassener Seele durch die Straßen. Von weitem konnte sich das dumpfe Rauschen der Eisenbahnen hören, als sie wieder über die Brücke ging, die sich über dem Bahnhof und den endlosen Gleisbett und Überleitungen spannte. Ihr Blick ging dieses Mal nicht über die strengen Linien, sondern zu den beiden Straßenlaternen, ihrem gelben leblosen Licht. Sie wanderte über ihnen, ließ sich blenden, sah die vielen Nachtfalter in der Höhe, die immer wieder, endlos gegen das Glas flogen, kopflos umherschwirrten. Als einer der Falter ohne Flügelschlag leblos herabstürzte, sah sie, wie viele graue und weissen Flügelpaare, hier und da unterbrochen von augenartigen Mustern, den Boden bedeckten. Ein Teppich toter Falter lag im Lichtkegel. Sie zündete sich eine Zigarette an, verschmähte mit dem Rauch diese Szenerie. Sie war doch auch nur ein dummer Schmetterling, der sich in diesem künstlichen Licht verlierte. Serafin war kein Held, nur ein Seelenstreicher der es verstand, sie zu bezirzen. Wie die anderen Männer. Hatte sie sich nicht geschworen, sich nicht wieder auf einen einzulassen, gleich der großen Misere die sie erleben musste und sie früh nach Deutschland gebracht hatte? Sie kannten ihrer beider Namen, mehr nicht. Und wenn er auf sie stehen würde, hätte er sie mehr beachtet. Sie fiel, verstärkt durch das Schauspiel der sterbenden Insekten und der Dunkelheit, die alles eintauchte, in eine innere Düsternis. Das Dröhnen eines Güterzuges, der von einem starken Windhauch begleitete wurde, ließ sie schnellen Schrittes nach Hause gehen. Sie saß in ihrem Zimmer, ihr Gesicht erhellt vom blauen Kunstlicht des Smartphones, mit monotone Augen darauf. Sie roch nach der Bar, nach draußen, verbrannten, wollte sich das alles abschaffen, doch die Müdigkeit überfiel sie plötzlich, noch angezogen.

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