Kriegshandlungen

Tanguerrero trastornado; Wortspiel aus Tango (Tanz und Musikrichtung) und Guerrero (span. Kriegsteilnehmer, Soldat), trastornado (span. wirr, verstört).

Ich trage seit längerer Zeit ein Cevşen, einen islamischen Anhänger. Übersetzt aus dem persischen steht das Wort für „gepanzerte Kriegskleidung“ und fügt sich in meine Sichtweise des Lebens ein. Im Islam gibt es das Konzept des Dschihads (Al Dschihadu fi sabil illah, „die Anstrengung auf dem Wege Gottes“). Fälschlicherweise wird das Wort in erster Linie mit dem angeblich „Heiligen Krieg“ in Verbindung gebracht, den bewaffnenten Kampf gegen Ungläubige. Dschihad gilt als eine der wichtigsten Grundprinzipien im Islam, hat aber in erster Linie nichts mit einer kriegerischen Handlung zu tun. „Dschihad“ leitet sich von „dschahada“ und heißt „sich bemühen, anstrengen“ – das Wort, was militärische Handlungen beschreibt, heißt „qitap“. Das nur als kurze Erläuterung, um zwischen psychischen und physischen Handlungen zu unterscheiden. Genug davon, das hier ist ein seelischer und kein sachlicher Eintrag.

Viele Monate sind in’s Land gegangen, Dinge haben sich gewendet, wie die Jahreszeiten, ein Kommen und Gehen. Abgewechselt haben sich die Stimmungen, ruhige Zeiten, schwere Zeiten. Dennoch, das Ziel ist nicht erreicht, der Status quo ante ist noch in weiter Ferne. Ein Krieg herrscht in meinem Herzen, der nicht mit Waffen bestritten wird; auch nicht am runden Tisch der grauen Krawattenträger. Vielmehr ist er geprägt von einer Sehnsucht, die nur mit inneren Werten ihren Abschied finden wird. Romantik mag für viele mit roten Rosen, Zweisamkeit und Kerzenschein zu tun haben, dabei zeigen uns Romantiker der Zeit, dass es gerade die anderen Dinge sind: Die Blaue Blume, Einsamkeit und Kerzenschein.

Joseph von Eichendorff hat dazu ein wunderbares Gedicht verfasst, „Der Nachtvogel“.

Liegt der Tag rings auf der Lauer,
Blickt so schlau auf Lust und Trauer:
Kann ich mich kaum selbst verstehen.
Laß die Lauscher schlafen gehen!
Nur ein Stündchen unbewacht
Laß in der verschwiegnen Nacht
Mich in deine Augen sehen
Wie in stillen Mondenschein.
In dem Park an der Rotunde,
Wenn es dunkelt, harr ich dein.
Still und fromm will ich ja sein.
Liebste, ach nur eine Stunde! –
Sieh mir nicht so böse drein!
Willst du nie dein Schweigen brechen,
Ewig stumm wie Blumen sein:
O so laß mich das Versprechen
Pflücken dir vom stillen Munde:
Liebste, ach nur eine Stunde.
In dem Park an der Rotunde,
Wenn es dunkelt, harr ich dein.

Und kann ich nicht sein
Mit dir zu zwein,
So will ich, allein,
Der Schwermut mich weihn!

„Und kann ich nicht sein / Mit dir zu zwein / So will ich, allein / Der Schwermut mich weihn“ Ja, es ist ein Krieg, nichts anderes. Als wirrer Krieger der ich bin stellt sich die Frage, wer Freund und wer Feind ist. Gibt es überhaupt klare Unterscheidungen oder setzt hier bereits der Kampf ein? Sind meine Fundamente fest genug, meine Panzerung ausreichend? Warum eine Panzerung, ist eine Armee nicht effektiver? Führt mich die Richtung die ich einschlage zum Ziel oder doch nur zum Ende?

Wo bleibt die Zeit zur Selbstreflexion! Jeden Tag auf’s neue gilt es, zu bestehen, zu bestehen, zu bestehen. Wenn wir einen Krieg führen, was sind gute, was sind schlechte Handlungen? Welche Waffen sind erlaubt und welche nicht? Es ist nicht klar, auf welcher Seite wir selbst stehen und wer unser Feind ist. Am Ende werden wir alle verlieren und gewinnen.

Sei’s wie es ist: Selbst als wirrer, taumelnder Soldat bekenne ich mich schuldig für meine Kriegshandlungen. Das Kriegsgericht erwartet mich, ojala.

Und wenn es einst dunkelt,
Der Erd bin ich satt,
Durchs Abendrot funkelt
Eine prächtge Stadt:

Von den goldenen Türmen
Singet der Chor,
Wir aber stürmen
Das himmlische Tor.

Joseph von Eichendorff, „Der Soldat“

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