Prioritäten

Vor etwa 2 Wochen ist mir auf dem Heimweg von der Arbeit eine Heuschrecke gegen die Wundschutzscheibe geflogen. Dieses Insekt nahm genau auf der Fahrerseite platz, es war mir während der Fahrt unmöglich, es von der Scheibe zu nehmen. Stattdessen musste ich langsamer fahren (auch auf der Autobahn), da ich a) das Wesen nicht verletzen oder töten wollte und b) vermeiden wollte, dass es auf dem grauen Asphalt der Bundesstraße strandet und dort sein Ende nimmt. Während der Fahrt gab es immer wieder Momente, wo ich um sein Leben bangte, aber ich schaffte es sicher nach Hause und konnte die kleine Schrecke in unserer Grünanlage aussetzen.

Am nächsten Tag, dieses Mal auf dem Weg zur Arbeit, passierte etwas ähnliches mit der Windschutzscheibe: DIeses Mal war es aber kein leichtes Insekt, dass Platz nahm, sondern ein Stein, der direkt auf meiner Seite einschlug. Er war von einem der beiden vorbeifahrenden LKWs gefallen und hatte einen Riss hinterlassen. Auch wenn der Riss bedrohlich war, war es mir egal – wie gewohnt bin ich zur Arbeit gefahren und habe mein Auto abgestellt. Kurzer Anruf bei der Versicherung über die weitere Vorgehensweise zu klären, anschließend zur Autoglaserei, wo ich mein Auto bis zum nächsten Tag gelassen habe. Nach Hause gekommen bin ich mit dem Zug – es hat stark geregnet, der Weg vom Bahnhof bis zu meinem Hause dauert ca. 30 Minuten. Natürlich hatte ich keinen Regenschirm dabei, denn ich hatte mit der Situation nicht gerechnet. Ich war aber froh darüber, denn es war ein schöner Moment, in den fallenden Wassertropfen…

Mein Vater, zeigte mir einmal wieder, dass 40 Jahre deutsche Bürokratie mit Denunziantentum, nicht an ihm vorbeigegangen sind und regte sich über den Steinschlag mehr auf als ich. Wenn’s nach ihm gegangen wäre, hätten die LKWs für den Schaden gezahlt. Mir war’s egal, ich hätte sogar alles gezahlt, was aber durch die Versicherung nicht der Fall war. An mir ging das alles mehr als spurlos vorüber.

Wäre der Grashüpfer am Tag zuvor während der Fahrt um das Leben gekommen, hätte es mir weit aus mehr geschmerzt, als der Steinschlag am nächsten Tag. Meine Scheibe ist kaputt gegangen und wurde ausgetauscht, mir selbst ist elhamdullilah nichts passiert. Wäre das Insekt gestorben, hätte niemand es austauschen können…

Nur ein kleiner Denkanstoß an all die Diletanten, mit denen ich auch im täglichen Leben konfrontiert bin. Leidenschaft an der richtigen Stelle. Ich achte sehr auf die Dinge, die ich ausführe, aber verschwende meine kostbare Zeit nicht mit unsinnigen Geschichten.

Was sind siebzig Jahre Lebenszeit verglichen mit der Ewigkeit?
Wozu Geld und Autos, wenn am Ende nur die Seele bleibt?

Kollegah – Sommer

Anmerkung: Grundsätzlich ist der Autor dennoch froh, wenn nichts zu schaden kommt, seien es Lebewesen oder Autos.

4 Gedanken zu “Prioritäten

  1. Ein fast poetisch Eintrag, in seiner kühlen Formulierung.
    Ich kann es nicht in Worte fassen, aber mein Herz stimmt dir zu.
    Es steht für mich außer Frage, dass eine Heuschrecke, wenn schon nicht eine Seele, so doch IRGENDETWAS mehr hat, als eine Autoscheibe.
    Etwas, das wir oft übersehen: LEBEN!
    Unbezahlbar wertvoll und ein Wunder, DAS Wunder.

  2. VIelen Dank für deinen Kommentar Norman.

    Nun, leider habe ich oftmals das Gefühl, das nicht alle Menschen unserer Meinung sind. Gerade wenn es um Tiere geht, die für viele Menschen als niedere Lebewesen betrachten. Und die Insekten, die man mit einem Schlag töten kann, sind noch weniger wert. Dabei ist das völlig falsch in meinen Augen. Viele argumentieren dann damit, dass Menschen Intelligenz besitzen und deshalb überlegen sind. Wenn wir Menschen so intelligent sind, sollten wir diese langsam nutzen. Denn Intelligenz schließt die Fähigkeit für Empathie – egal für wen oder was- nicht aus.

    Jeder dumme Mensch kann einen Käfer zertreten,aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen. – Arthur Schopenhauer

  3. » der Weg vom Bahnhof bis zu meinem Hause dauert ca. 30 Minuten

    du hast dich verschrieben 3 Minuten währen richtiger denke ich oder?

  4. Wie kommst du darauf? Der Weg vom Bahnhof zu mir dauert etwa 15 Minuten. Ich bin an dem Tag natürlich geschlendert ;). Früher, als der Bahnhof noch bei mir war, hat’s vielleicht eine Minute gedauert.

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