Os bares estão cheios de almas tão vazias

Erste Nacht

Es war ein verregneter Donnerstag Abend. Einer dieser unberechenbaren Frühlingstage, an denen das Wetter umschlug, Kopfschmerzen hinterließ. Sie wollte sich eine kurze Verschnaufpause gönnen, den Moment nach dem Regenfall im Innenhof genießen. Die Luft war erfüllt von Petrichor und sie liebte es, in diesem unwirklichen Moment zu stehen. Der Lärm der Großstadt im Innenhof war gedämmt; nur das Knistern ihrer Zigarette war zu hören. Doch es blieb ihr wenig Zeit in diesem Augenblick zu verweilen, denn der Regen trieb die Menschen in die Etablissements. Die Tür zum Hinterhof riss mit großer Wucht auf; Salim blickte sie mit seinen großen mandelbraunen Augen an und ohne viele Worte wusste sie, dass es Zeit war wieder an die Arbeit zu gehen.

Emilia war erst vor drei Monaten in diese Stadt gezogen; als könne es ihre Vergangenheit vergessen machen, weil hier niemand danach fragte.

Es war kurz nach sieben an diesem Abend, die letzte Stunde bevor die Nacht im Frühjahr einbrach. Sie konnte sehen, dass einige Gäste eingetreten waren. Manche hatten sich an die Theke gesetzt, Salim bediente sie. Andere fanden sich an den Tischen ein und legten ihre Blicke erwartungsvoll auf Emilia. An ihren müden und doch durstigen Augen konnte sie es erkennen, die üblichen Männer mit den üblichen Wünschen. Die Bar voll von Seelen, die doch so leer sind.

Kopf über Hals hatte sich Emilia in diese Stadt gestürzt, ohne viele Gedanken zu verschwenden. So hatte sie auch ihr Studium der Theologie gewählt und war in der Unsicherheit der ersten Semester gefangen.

Sie ging an einen der Tische, an denen zwei Gäste gemeinsam saßen und ihr lautes Gespräch unterbrachen. Es war in der Luft zu spüren, wenn ein junges Mädchen wie sie in so eine Runde traf; diese scheussliche Machtschau dummer Männer. Sie hatte sich in kurzer Zeit daran gewöhnt, dass wildfremde Herren sie wahlweise Schatz, Kleines, Hübsches nannten. Je später die Stunde desto derber konnte es werden. Fast schon mechanisch nahm sie die Bestellung auf und ließ die beide mit einem unpersönlichen Lächeln zurück. Einer der beiden versuchte noch verzweifelt in ihre Augen zu schauen, als ob da ein Funke Anziehung für ihn zu finden wäre; Selbstüberschätzung die sie längst abgeschüttelt hatte, als sie zum nächsten Tisch schritt.

Schließlich ging es Emilia darum, Geld zu verdienen. Sie hatte den Aushang auf dem Weg zwischen Universität und ihrer Wohngemeinschaft gesehen. Damals schien es ihr eine ruhige Bar zu sein. Salim war ein freundlicher Mensch, der sie trotz ihrer Unerfahrenheit gerne aufnahm. Als ob sie eine Vaterfigur gewollt hätte. Ihr Leben war jetzt ein freier Fall; doch allemal besser als der Sturz davor. Es war aufregend für sie in dieser Stadt, die ungewohnte Kulisse zwischen Hochmut der Städter und den Dreck in den Gassen.

In den nächsten Stunden bediente sie noch einige wenige Gäste, alle nach dem selben Muster wie zuvor. Emilia war im Fluss der Arbeit und würdigte diesen unangenehmen Männern nichts. Sie hatte ihre professionelle Maske aufgesetzt. Es war heute niemand unter ihnen, der auch nur annähernd ihr Interesse wecken konnte, in ihr etwas auslösen würde, diese Maske abzusetzen. Irgendwann, da war es kurz vor Mitternacht und sie hatte mit Salim die Stühle nach oben gestellt, die Bar war geschlossen.

Wie Emilia es liebte zu dieser Stunde nach draußen zu treten, die Hitze der Bar hinter sich zu lassen und das Abklingen des Lärms zu spüren. In der Nacht der Straße wirkte alles gedämpfter auf sie, beruhigte sie. Auf den Weg nach Hause kam sie an der Eisenbahnbrücke vorbei. Während sie sich eine letzte Zigarette anzündete, lehnte sie sich an das Geländer und blickte auf die Schienen. Ihre Augen wanderten über die verzweigten Linien, blickten über zu den Überleitungen, die mit ihren Strichen die geometrische Ordnung dieses Ortes ergänzten und ihr kurzzeitig etwas Halt gaben. Von weiten war das rhythmische Rauschen der Autobahn zu hören; durch die Nässe stärker als sonst. Nur unterbrochen vom Lärmen eines einfahrenden Zuges. Sie schloss die Augen und verlor sich. Selbst das laute Warnsignal der einfahrenden Lock riss sie nicht heraus, sondern erinnerte sie an das Läuten eines Schiffdampfers, der nach ihr rief, um sie an einen Hafen weit weg von allem zu bringen.

Zweite Nacht

Es war ein trister Dienstag Abend. Heute waren die Straßen trocken geblieben. Es war der erste Tag in dieser Woche, an dem Emilia in Salims Bar arbeitete. Dienstage waren bessere Tage. Es blieb mehr Zeit zum Verschnaufen, die Gäste waren weniger und damit erträglicher.

Emilia war eine junge Frau alleine in dieser Stadt. Angeschliffen von der Welt und ihrer Vergangenheit, war sie geprägt von viel schlechtem in ihrem Leben, hatte wenig gutes gesehen. Trotz aller Widrigkeiten und der dunklen Zeiten, hatte sie sich das Träumen erhalten. Sie wusste, dass dieser Job und das Studium nur ein Übergang waren. Sie hoffte von einer Zukunft die besser war als alles zuvor. In dieser Ferne war sie nicht mehr alleine, sondern hatte einen Mann, der früheres vergessen ließ.

So passierte es nicht selten, dass Emilia sich schnell verliebte, zu schnell. Hatte ein Mann eine gewisse Ausstrahlung, entsprach ihrem Typ, war sie schnell in ihren Träumen. In ihr stieg ein wohliges Gefühl auf, das sie auskostete bis zum letzten. Der Moment des Begehrens und das Schauspiel um Blicke; die Ungewissheit ob der andere auch so spürte. Bilder von einer wunderbaren Zeit zu zweit; die nie eingetreten waren.

In der Universität boten sich diese Momente selten, denn in ihrem Studium war sie umgeben von vielen Frauen und wenigen Männern. Und die wenigen Männer waren ihr zu unreif; hatten mehr Kindliches von einem Märchen als von einem Prinzen. Sie wollte jemanden um sich haben, der es mit den bösen Geistern aufnehmen kann; der bei ihr bleiben würde, anders als jeder andere Mann in ihrem Leben zuvor.

In Salims Bar gab es diese Typen, selbst wenn sie selten waren. Männer mit einem Glanz, einer besonderen Ausstrahlung. Selbst wenn es ihr dabei schwer fiel, Raubein von Himmelhund zu unterscheiden.

Es war etwas ruhiger und Emilia nahm sich die Zeit, um die ersten verdreckten Gläser hinter der Theke abzuwaschen. Sie war gerade wieder in ihren Träumen von morgen vertieft; was das Abtrocknen der Gläser zuließ. Es war kurz vor sieben, als sich die Tür öffnete.

Ein Mann trat in die Bar und erfasste sofort die Szenerie. Wilde braune Augen schauten sie an; so ungewohnt dass sie für einen Moment erstarrte, durch seine Aura es in ihr aufstieg. Sein Blick verwarf sich sogleich und der Mann ging fließend in ein Schreiten über. Mit lauten treibenden Schritten seiner Ledersohlen und seinem wallenden schwarzen Mantel glitt er durch den Raum; wie ein Hai am Meeresboden. Emilia beobachtete ihn und musterte sein Seitenprofil, sein Schritt zeugte von Selbstbewusstsein, unterstrichen vom Muster seiner schwarzen Haare, dem Vollbart und den starken Gesichtszügen. An einem der Tische links außen, direkt am Fenster, wovon aus die Straße zu sehen war, stellte er sich mit dem Rücken zu Emilia. Weiterhin wie aus einem Fluss zog er seinen Mantel aus und legte ihn über einen der Stühle ab. Es offenbarte sich ein rabenschwarzer Anzug mit einem silbrigen Glanz, fein geschnitten zeichnete sich sein Rücken darunter ab. Sie konnte es nicht genau erkennen, er schien etwas in einer Aktentasche zu suchen, noch er hatte sich nicht gesetzt. Sodann hielt er in seiner rechten Hand eine schwarze Mappe und nahm endlich Platz. Sein Anblick war ungewöhnlich; das Hemd ebenfalls schwarz, die schmale Krawatte schwarz, unterbrochen von glänzenden diagonalen Linien. In Emilia wallte das Gefühl auf von Bittersüße, erste Träume keimten in ihr auf. Er hingegen hatte aus der Mappe einzelne Seiten herausgeholt und, was sie noch erkennen konnte, ein Tablet auf den Tisch gelegt. Seine Augen wechselten in eine Konzentration, als wäre er vertieft in den Bildschirm.

Salim trat von hinten an Emilia an: „Was ist? Willst du diesen Gast nicht bedienen? Der Typ macht sich breit an diesem Tisch, als sei das hier sein Büro. Kann er ja machen, solange er auch etwas trinkt und bezahlt.“ Emilia nahm eine der Karten vom Tresen in die Hand. In ihrer Wallung war sie aufgeregt, fast erregt und voller unangenehmer Spannung. Wie ein Schild hielt sie die Karte vor sich, während sie auf ihn zuging. Es war ein Kontrast, ihre Sneaker waren auf dem Fußboden nicht zu hören, sie kam sich schon fast dumm vor, in ihrer Unsicherheit. Sie war keine fünf Schritte gegangen, da hatte der Mann in schwarz bereits seinen Blick erhoben, sein Ausdruck irgendwo zwischen freundlich und unbeeindruckt. Emilia hingegen setzte sich ein breites Lächeln auf, das nur so aus ihr herauskam wenn sie ihn sah. Sie schritt näher heran und konnte ihn jetzt genauer erkennen. Sie legte die Karte auf den Tisch und warf einen Blick auf seine Hände. Es war lang genug um zu erkennen, wie sich seine Komposition fortsetzte; am Handgelenk eine teure Armbanduhr, anthrazit in einem Edelstahlgehäuse. Ein Mond war im Ziffernblatt eingelassen. Mehrere Narben säumten seinen Handrücken, überdeckt von einem Silberring am Mittelfinger, der sehr fein aussah. So nah wie sie war konnte sie seine Silhouette riechen, Noten von Gyokuro, Regen und dunklem Rauch lagen zart in der Luft. Das alles verwirrte sie etwas, die vielen Eindrücke schafften Distanz in ihr, als sei dieser Mann aus einer anderen Welt gefallen. Ihre Vertiefung war unterbrochen, als seine sanfte, ungewohnte Stimme zu ihr sprach: „Danke für die Karte. Bevor ich etwas daraus bestelle, darf ich Sie um einen Espresso bitten?“ Es war bereits nach zehn Uhr. Selten bestellte jemand so spät einen Espresso. Um nicht völlig unerfahren zu wirken, setzte sie sich einmal mehr ihre Maske der Professionalität auf und erwiderte, fast schon aufgesetzt, „Sehr gerne.“ Sie ging zurück zum Tresen und gab die Bestellung bei Salim, dem Barista auf. Er war geübt an diesem Ungetüm von Siebträgermaschine. „Was, um diese Uhrzeit einen Espresso? Wie der Herr meint…“ Salim setzte die Maschine in Bewegung, laute Geräusche vom Mahlen der Bohnen brachten Emilia nicht ab sich mit dem Mann im Anzug auseinanderzusetzen. Er hatte sich längst wieder in seinen Notizen vertieft.

Es war nicht so, dass er der schönste Mann war, den Emilia je gesehen hatte. Sie war auch kein Mensch, der sich auf solche Oberflächlichkeiten einlassen würde. Alleine ihrer Erfahrungen wegen. Es ging ihr um mehr als das, sie glaubte bei ihm eine besondere Aura zu spüren. Er war fesselnd von seinem tosenden Wesen. Nicht nur, wie er den Raum betreten hatte, sondern wie es sich bis jetzt fortsetzte. Gleichzeitig war da dieses Gefühl, dass sie wieder enttäuscht werden würde. Von ihm, weil er sicher nur noch ein Getränk bestellen würde und wieder in der Nacht verschwand. Von sich, weil sie ihre Unsicherheit hinter der Behauptung versteckte, dass es nicht richtig sei während der Arbeit Männer anzusprechen. Die Abfolge des Brummens und Zischens verriet ihr, dass der Espresso gleich fertig sein würde. Auf einem Tablet mit einem kleinen Schnapsglas Wasser, worauf Salim Wert legte, ging sie wieder zum Tisch. Zwar es war kein Schild wie die Karte, doch mit dem Gedeck vor sich hatte sie mehr Sicherheit. Dieses Mal ließ er sich nicht unterbrechen, während sie den Espresso und das Wasser auf den Tisch stellte. Sie versuchte einen Blick auf seine Notizen zu werfen, auf den Bildschirm seines Tablets. Sie hatte gedacht, dass es sich um Arbeitsakten handelte, sicher irgendein Text. Umso überraschter war Emilia als sie sah, dass er in seinen Händen einen Stift hielt und dabei war, auf dem Bildschirm etwas zu zeichnen. Etwas das aussah wie ein Wolf oder ein Hund mit einem aufgerissenen Maul. Bedrohlich bestienhaft, zeichneten seine Hände gerade die einzelnen Reißzähne. Es war noch skizzenhaft, aber man konnte einen geübten Zeichner erkennen. Plötzlich war der Bildschirm schwarz und sie blickte ihm direkt ins Gesicht. Es war der gleiche Ausdruck, weiterhin freundlich, aber doch distanziert. Seine Augenbrauen bis zum Bart waren so gezogen, dass immer etwas bedrohliches, ungehemmtes in ihm schwamm. Doch seine Stimme wiederum war sanft und seine Worte gewählt, was ihm eine Milde gab. „Vielen Dank für den Espresso.“ Emilia hatte erwartet, dass er sich zu seinem Werk äußern würde. Oder zumindest etwas bestellen würde. Sie war noch dabei die vielen Eindrücke in eine Ordnung für sich zu bringen. Sie hatte selten so einen Gast erlebt, der aussah wie ein Geschäftsmann, sich am Tisch breit machte und dann Zeichnungen von Tieren anfertigte. Mit ihrer aufgesetzten Maske fragte sie nach, ob sie ihm noch etwas bringen könnte. „Nein danke, erstmal nicht.“ Gleich darauf griff er nach der Espressotasse, umklammerte sie mit seinen Fingern am oberen Rand, führte sie zu seiner Nase. Mit geschlossenen Augen roch er daran. Danach legte er die Tasse an seine Lippen, ließ etwas Espresso in den Mund. Erst mit etwas Unterbrechung folgte ein hörbares Schlucken. Ein sanftes Lächeln war abzulesen; er genoss es sichtlich. Emilia ertappte sich dabei wie sie ihn anstarrte und drehte sich ab, ging zurück an den sicheren Platz hinter der Theke.

Der Mann im Anzug hatte den Espresso ausgetrunken und ging seiner Arbeit nach. Emilia wusste nicht, ob er weiterhin an dem Wolf zeichnete. Das Licht war so gedämmt, dass sein Gesicht sich vom kaltblauen Strahlen des kleinen Bildschirms einfangen ließ. Es verleihte ihm nur mehr Eigenartigkeit, die sie anzog. Jeder andere Gast würde sein Getränk zu sich nehmen, Gespräche führen oder suchen, vielleicht in sein Handydisplay starren oder eine Zeitung lesen. Immer mit der Unsicherheit außerhalb der eigenen 4 Wände zu sein. Er hatte etwas von einem Raubtier, wie er seinen Platz einnahm und seine Bewegungen ausführte, mit allem Selbstbewusstsein.

Inzwischen ging es auf elf zu, außer dem Mann in schwarz war nur noch ein Gast an der Theke. Salim würde bald schließen wollen. Die reguläre Öffnungszeit endete unter der Woche meist um elf Uhr. Nur wenn mehr Gäste da waren und der Umsatz stimmte, machte er um Mitternacht zu. Heute war nicht so ein Tag, an dem der Umsatz stimmte. Emilia wollte Salim zuvorkommen, bevor er in seiner unerträglichen Art die Gäste zum Gehen auffordern würde. Aus Sorge dass der Mann, der in seinem Tun vertieft war, verärgert werden würde und sie ihn zum ersten und letzten Mal gesehen hatte. In der Stunde hatte sie ihn so beobachten können und er hatte nichts von seinem ersten Moment verloren. Sie hatte es ausgekostet, seine verschiedenen Facetten zu betrachten und in ihre Träume einzutauchen. Vielleicht war er ein Zeichner, der kurz aus seinem Atelier ausbrechen wollte? Sie stellte sich allerlei vor; wie sie dort war; wie sie mit ihm Espresso trank. Wie er es war, der sie von allem fortbrachte und unter seinem schwarzen Mantel vor allem schlechten verbarg. Unterbrochen wurde sie nur vom tiefen Herzklopfen, wenn sich Zweifel über diesen Traum in ihr breit machten und der dunkle Nebel von früher versuchte, ihr die Euphorie auszutreiben.

Emilia schritt wieder an den Tisch, um ihn abzukassieren. Sie hatte den Geldbeutel um ihre Hüfte geschnallt und ein EC-Kartengerät in der linken Hand. Dieses Mal musste sie es nicht als Schutz vor ihrem Körper tragen, etwas Vertrautheit und Zuneigung war in ihr gewachsen. Salim war eine der wenigen Ladenbesitzer, der auf den Durchbruch des bargeldlosen Karten schwor und glaubte, dass er damit in dieser deutschen Stand einen Vorteil hatte. Salim war hin und wieder in Amsterdam, wenn es die Zeit zuließ, dort wo seine Schwestern lebten. Er hatte dort gesehen, dass immer mehr Cafés und Restaurants auf Kartenzahlung setzten und wie viele Vorteile es mit sich brachte – keine Unterschlagung, keine notwendige Sicherheit, einfache Buchführung. Und so war es für Emilia selbstverständlich, dass so ein Geschäftsmann wahrscheinlich mit seiner Kreditkarte zahlen würde. Doch es war auch etwas Kalkül dahinter – denn eine Karte bedeutete, anders als Bargeld, dass sie den Namen des Mannes in schwarz erfahren könnte. An diesen Gedanken klammerte sie sich.

Er hatte sie bereits frühzeitig erkannt und aus seiner Innentasche ein kleines Portemaine herausgegriffen. Sie konnte bereits sehen dass es einer dieser Brieftaschen waren, in die keine Münzen passten; nur Karten darin waren. Mit etwas Ernüchterung, wie vorbereitet auf das Ende, sagte Emilia: „Das macht 3,50 Euro. Möchten Sie mit Karte zahlen?“ Seine sanfte Stimme riss etwas an ihrer Ernüchterung, als er fragte: „Wenn ich mit Karte bezahle, bekommen Sie dann Trinkgeld?“ Salim legte darauf wert und hatte es sichergestellt, denn er wollte dass alle etwas davon haben. „Ja, ich bekomme Trinkgeld. Sie möchten mit Karte zahlen?“ „Dann ja, zehn Euro bitte.“ Dieses Mal war sein Lächeln breiter, herzlicher und stellt seine wilden Augen in den Hintergrund. Es war ein großzügiges Trinkgeld, aber nicht das höchste das sie bekommen hatte. Von einem Mann mit einem Anzug hatte sie nichts anderes erwartet und wollte sich darauf nichts einbilden. Etwas Gleichgültigkeit war in seiner Ausstrahlung geblieben, irgendwie zwischen der Freundlichkeit und Wuchtigkeit. Er legte seine Kreditkarte auf das Display des Geräts. Sie konnte so seinen Namen deutlich erkennen. Es war ein langer Name, der sich sofort einprägte, während sie ihn laut vorlas:

SERAFIN DO MAR LEÑADOR

Dabei hatte sie das ñ versprochen wie ein normales N ausgesprochen. Zwischen Überraschung und Entzückung sagte sie: „Das ist ein schöner Name. Das ist spanisch, nicht wahr?“ Ein kurzes Piepen des Lesegerätes gefolgt von „ZAHLUNG BESTÄTIGT“ unterbracht ihren Moment, er zog die Karte zurück und steckte sie wieder in die Brieftasche, während er zu ihr sagte: „Nicht ganz, Do Mar Leñador ist ein nordspanischer Name mit portugiesischen Wurzeln.“ Die Eleganz mit der er seinen Namen aussprach wie einen Zauberspruch machten ihr offenbar, dass sie ihn falsch ausgesprochen hatte. An seiner Art war auch die Routine zu hören, weil er Momente wie diese häufig genug erlebt hatte. Ehe sie noch etwas sagen konnte, beendete er das Gespräch mit einem „Ich danke Ihnen. Eine gute Nacht“ und mit seiner Geste als er begann seine Sachen in die Aktetasche zu packen. Emilia hatte gar nicht mehr sehen können, ob er einen Wolf oder einen Hund gemalt hatte. Sie wollte es nicht wieder so enden lassen. Ihr Herz schlug auf, in ihr das Lodern dieses Momentes zu spüren. Sie wusste nicht, wie sie ihn ansprechen sollte, dennoch wollte sich davon nicht abbringen lassen. Etwas hilflos, fast schon tapsig, stimmte sie an: „Was haben Sie da eigentlich gezeichnet? Es sah so interessant aus.“ Er war dabei seinen schwarzen Mantel anzuziehen, seine fließenden Bewegungen waren sofort unterbrochen. Seine Freundlichkeit war verflogen, Ärger machte sich in seinem Gesicht breit; seine Augen unterstrichen die Emotion, dass Emilia ihre Frage sofort bereute. Alles an ihm wirkte plötzlich weltfremd, ob der Wildnis. „Egal, vergessen Sie das. Ihnen auch einen schönen Abend.“ Sie wollte sich abdrehen, beschämend an ihm vorbei zurück zur Theke. Ihre Maske der Professionalität hatte sie wieder aufgesetzt, doch Risse machten sich breit. Serafin war sich dessen bewusst. Als wollte er den Moment aufhalten, tappte er ihr an die Schulter, sanft, wie seine Stimme: „Ich habe einen Wolf gezeichnet. Und ich habe Ihnen eine gute Nacht gewünscht, keinen schönen Abend. Das ist ein Unterschied.“ Er zog sich seinen Mantel an, nahm seine Tasche und ließ Emilia zurück. Sein letzter Antlitz war ein überlegender Blick gewesen, die Selbstsicherheit mit der er sich erklärt hatte, während Emilia da stand, die Maske in Rissen und wie vom Blitz getroffen.

Emilia lag in ihrem Bett, die Augen weit geöffnet. Ruheloser Körper. Es war bereits 3 Uhr. Von draußen fiel das gelbkalte Licht durch die Schlitze der Jalousien. Es waren nicht die Geräusche der Stadt, die sie vom Schlafen abhielten. Nicht die Autos, die manchmal leise, manchmal grölend, durch die Straßenschluchten fuhren. Nicht die Hunde, deren Bellen verwaist durch die Gassen hallte. Es war das Pochen im Herzen und die Gedanken an den Geschäftsmann. Dieses verrissene Gefühl der Unruhe n ihr, vom Schwärmen und Abweisen. Sie kam sich so dumm vor. Irgendwann, sie hatte längst nicht mehr auf den Radiowecker und seine richtenden roten Linien geschaut, war sie traumlos eingeschlafen.

Fortsetzung folgt

Abstract ~ Oil Spill Remix 1 (#373)

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