Vom Vereinsamen

Eine recht alte (etwa ein Jahr) autobiografische Kurzgeschichte. Es gibt noch viele andere aus dieser Reihe („Vom Tango“, „Vom Abend“). Viele werden sie vielleicht noch nicht kennen, weshalb ich diese zumindest präsentieren will. Sie ist zeitlos und wird es bleiben, ein Ausdruck meiner Gedankenwelt. Ich stelle sie als Einleitung vor für die nächste, die demnächst kommen wird.

Vom Vereinsamen

Wie jede Nacht sitze ich dort draußen, auf der Veranda, das Buch in meiner Hand. Mein Blick löst sich von den Zeilen und schweift in die weite Nacht. Nach oben zum Firmament blickend, beobachte ich das Sternenmeer. Zahlreich offenbaren sie sich mir im dunklen Himmelsreich, die herrenlosen Lichter der Finsternis. Vertieft in ihnen, ersehne ich mir nur ihre Nähe, ersuche ihre Gesellschaft. Ihr vereint allwo, ich hier ganz allein…

Förmlich wird mein Herz vom zerrenden Schmerz in die Tiefen meiner Seele getrieben. Erfasst von der Qual, verformt sich mein Gesicht zu seinem unheilvollen Antlitz. Meine Seele hat sich der Einsamkeit gebeugt, sie ist Herrin über meine Wunschträume geworden. Hat neben mir Platz genommen, um mir in meiner Weltentfremdung auszuhelfen. Ihr treuloser Atemhauch küsst meine Wangen, ihre bitteren Klauen schlingen sich um meinen Leib. Sie beginnt mit ihrer grotesken Begattung, wirbt um mein abspenstiges Herz. Widerstrebend versuche ich mich aus ihrer Umarmung zu lösen, möchte ihren widerwärtigen Liebkosungen entfahren.

Mein Blick treibt himmelwärts, zu den Gestirnen, den stummen Kronzeugen des Missbrauchs. Jammernd flehe ich nach Erlösung, doch meine Geliebte erstickt meine Bitte, treibt mir ihre schwulstige Zunge in den Rachen. Sie ist die gefräßige Gemahlin und ich ihr auserwählter Bräutigam. Fremd ist ihr mein Wohl, sie will nur ihren Hunger stillen, mich demütigen. Sie wünscht sich sehnlichst, dass ich vor ihr auf die Knie falle und mich ohne jegliche Gegenwehr ihren Trieben beuge. Sie überkommt mich in willenlosen Atemzügen. überfällt mich, während Wunschträume mich streicheln. Reißt den Verstand in die Untiefe, wenn ich in unwilligen Süchten treibe. In ihrer Gegenwart verrottet die Glückseeligkeit, hinterlässt nicht mehr als deren Vergänglichkeit.

Ihrer Ouvertüre hat ein Ende gefunden und geht über in den eigentlichen Akt. Ihre düsteren Schenkel knoten sich um meinen Unterleib, zieht sie mich näher an sich, schabt ihre Dornen von Händen tief in meine Haut, als wenn sie mich überziehen wollte, eine Vereinigung herbeisehnt. Rhythmisch stößt sie mich abwärts in die Verdammung, prügelt sich mit meinem Körper ‘gen ihre eigene Krönung. Jeder Taktschlag raubt mir einen Teil meiner Unschuld, hinterlässt in mir eine triefende Wunde. Mein Herz quält sich durch diese Begegnung, erweckt in mir den letzten Hoffungsschimmer… Die Einsamkeit rauscht durch diesen Teufelsakt, spürt ihre höchste Sinneslust in naher Ferne, obgleich mein Mut ihr jähes Ersterben beschwört.

Mein Augapfel gebärt sie zur Welt, den Ausdruck meiner Trauer, dem ich mich nicht entziehen kann. Langsam ziehen sie ihre Bahnen entlang meiner Wange, hinterlassen einen Dunst von Wärme an meiner Haut. Die Einsamkeit bricht ihren Höllenritt ab, verrenkt sich vor dem Funkeln der Tränen, in denen sich das Licht ihrer himmlischen Brüder spiegelt. Schmerzverzerrt wie ich es war, löst sie sich vollkommen von mir und verschwindet in der Finsternis, aus der sie kam.

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