Die Straße

Wenn er im Dunkel und in der Kälte der Nacht im Wald erwachte, streckte er den Arm aus, um das Kind zu berühren, das neben ihm schlief. Nächte, deren Dunkel alle Dunkelheit überstieg, und jeder Tag grauer als der vorangegangene. Wie das Wachstum eines kalten Glaukoms, das die Welt verdüsterte. Mit jedem kostbaren Atemzug hob und senkte sich weich seine Hand. Er schob die Plastikplane weg, richtete sich zwischen den stinkenden Fell- und Wolldecken auf und hielt Richtung Osten nach einer Spur von Licht Ausschau, aber es war nichts zu sehen. In dem Traum, aus dem er erwacht war, hatte er, von dem Kind an der Hand geführt, eine Höhle durchstreift. Das Licht ihrer Lampe spielte über die feuchten Sinterwände. Wie Pilger in einer Sage, von einem Granitungeheuer verschlungen lind zwischen seinen inneren Organen verirrt. Tiefe Steinschächte, in denen das Wasser tropfte und sang, in der Stille ohne Unterlass die Minuten der Erde schlug, ihre Stunden, Tage und Jahre. Bis sie in einer großen Steinhalle standen, in der ein schwarzer, alter See lag. Und am anderen Ufer ein Lebewesen, das sein triefendes Maul aus dem Travertinbecken hob und mit toten Augen, weiß und blind wie Spinneneier, ins Licht starrte. Es schwang den Kopf tief über das Wasser, wie um Witterung von dem aufzunehmen, was es nicht sah. Kauerte dort bleich und nackt und durchscheinend, seine Alabasterknochen als Schatten auf die Felsen dahinter geworfen. Seine Eingeweide, sein schlagendes Herz. Das Gehirn, das in einer Glocke aus stumpfem Glas pulsierte. Es schwang den Kopf hin und her, stieß dann ein leises Ächzen aus, drehte sich um, wankte davon und verschwand lautlos im Dunkel.

Beim ersten grauen Licht stand er auf, ließ den Jungen schlafen und ging auf die Straße, wo er sich niederhockte und die Landschaft im Süden musterte. Öde, stumm, gottverlassen. Er meinte, es sei Oktober, doch er war sich nicht sicher. Er hatte schon seit Jahren keinen Kalender mehr geführt. Sie zogen Richtung Süden. Noch ein Winter hier war nicht zu überleben.

Als es hell genug wurde, um das Fernglas zu benutzen, suchte er das unter ihm liegende Tal ab. Alles verblasste in die Düsterkeit. Über dem Asphalt flog in lockeren Wirbeln die weiche Asche. Er musterte, was er sehen konnte. Die Straßenabschnitte dort unten zwischen den toten Bäumen. Er hielt nach Farbigem Ausschau. Nach irgendeiner Bewegung. Irgendeiner Spur von stehendem Rauch. Er senkte das Fernglas, zog sich den Baumwollmundschutz vom Gesicht, wischte sich mit dem Handrücken die Nase und suchte dann erneut die Landschaft ab. Dann saß er, in der Hand das Fernglas, einfach nur da und sah zu, wie das aschene Tageslicht über dem Land gerann. Er wusste nur, dass das Kind seine Rechtfertigung war. Er sagte: Wenn er nicht das Wort Gottes ist, hat Gott nie gesprochen.

Cormac McCarthy – Die Straße

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.