Frage

Ich frage Dich: Sag‘ mir das Rätsel des Lebens,
Sag‘ mir des Seins und der Sehnsucht Sinn!
Ist alles Sehnen und Streben vergebens?
Kannst Du mir künden: „Woher?“ und „Wohin?“

Ich klopfte an allen Toren der Erde.
Bis zu den Sternen stieg ich empor.
Am Leib erlebt‘ ich das „Stirb und Werde“.
Die Seele sang mit den Engeln im Chor.

Ich hab‘ mit Dämonen um mich gestritten
Und mit dem Dämon in eigener Brust.
Ich hab‘ mich gemüht, ich habe gelitten,
Wie’s keinem, auch keinem ward bewußt.

Da kamst Du, Mensch gleicher Sehnsucht, gegangen,
Der Du selber gekämpft bis aufs Blut.
Wir sahen uns nackt, – kein Fetzen blieb hangen –,
Wir beide wissend, wie Leben tut.

Karl Ernst Knodt

Garten Eden

Gebannt beobachte Karim das Schauspiel, was sich vor seinen Augen abspielte. Mit seinem schwarzen Gewand und dem Turban konnte man ihn zwischen all dem Schutt und Müll nicht erkennen.

Vor ihm sah er einen Trupp der Legion, bestehend aus zwei Kreaturen und einer handvoll Cyborgs. Sie gingen durch die engen Gassen der Slums und beobachteten jeden Bewohner misstrauisch. Die Menschen waren das alles bereits gewohnt. In Wirklichkeit nahmen viele gar nicht mehr wahr, was sich vor ihnen abspielte. Der saure Regen, der besonders in dieser herbstlichen Jahreszeit sehr oft nieder prasselte, hatte sie betäubt. Überall sah man die Spuren: Nicht nur die Bauhütten waren bereits zerfressen und perforiert, auch die Menschen waren nur noch Schatten ihrer selbst. Ihre Körper waren übersät von Wunden, Narben und Flecken. Teilweise sah man die nackten Knochen, Gliedmaßen fehlten den Bewohner und wurden durch Elektroschrott ersetzt. So kam es vor, dass manch einer mit einem Wasserrohr als Beinersatz durch die Gegend humpelte. Aber das war alles egal, denn eine Seele hatten viele Menschen nicht mehr, wenn man sie noch Menschen nennen konnten. Zerfressen von den Schmerzen, die sie in sich trugen. Der Tod war das verheißungsvolle Ende, doch selbst der Suizid kam vielen nicht in den Sinn. Sie lebten apathisch vor sich hin, auf der Suche nach etwas Erholung, redeten sie gerne einen fremden An, der unversehrt durch die Slums lief. Doch selbst die waren selten anzutreffen: Die, die noch etwas an Vitalkräften besassen, werden schon in Gefangenenlager deportiert, wo sie unter widrigsten Bedingungen arbeiten müssen.

Weiterlesen…

Die Straße

Wenn er im Dunkel und in der Kälte der Nacht im Wald erwachte, streckte er den Arm aus, um das Kind zu berühren, das neben ihm schlief. Nächte, deren Dunkel alle Dunkelheit überstieg, und jeder Tag grauer als der vorangegangene. Wie das Wachstum eines kalten Glaukoms, das die Welt verdüsterte. Mit jedem kostbaren Atemzug hob und senkte sich weich seine Hand. Er schob die Plastikplane weg, richtete sich zwischen den stinkenden Fell- und Wolldecken auf und hielt Richtung Osten nach einer Spur von Licht Ausschau, aber es war nichts zu sehen. In dem Traum, aus dem er erwacht war, hatte er, von dem Kind an der Hand geführt, eine Höhle durchstreift. Weiterlesen…

Die Fabel vom weissen Ysegrin II

Erwache auf meinem Wundbett, meine Verletzungen längst geronnen, bleibt nur pulsierender Schmerz. Der Schnee eingetaucht in silber-grau, die Nacht ist eingekehrt. Schaue hinauf und erkenne nur ein klares mondloses Firmament frei von Sternen. Mein Blick wandert in den entfernten Hain; erkenne ein schwach pulsierendes blaues Leuchten. Ist es das Leuchten deiner Augen, weisser Ysegrin?

Weiterlesen…

Die Fabel vom weissen Ysegrin

Die Kälte der hinabgefallene Schneeflocke auf meiner Nasenspitze, längst im Schmelzen begriffen, lässt mich aus einem dumpfen Albtraum erwachen, mit dem Augenschlag längst vertrieben. Noch benommen vom Schlaf erfassen meine Sinne die Kälte, die meine liegende Körperseite bis zur Wange berührt. Zunächst wie von Sinnen, kann ich nur ein blendendes Weiß erkennen. Mein Blick wandert umher. Eine Landschaft im Dämmerschlaf; von einer Schneedecke verhüllt. Ich setze mich auf; noch leicht verloren schaue ich an mir herab. Nicht mehr als eine schmucklose Kutte in aschgrauen Leinen an mir; ein Leichentuch hält die berstende Kälte wundersam von mir. An meinen Füßen Gamaschen aus den selben Laken gehalten von Birkenholz. Widme mich der Umgebung; um mich herum weisse Massen, unberührt und fern. Meereisblumen blitzen hier und dort auf; gesäumt von Grashalmen und Wurzeln von Reif gesprenkelt.

Weiterlesen…

Blasphemie

Ich weiß nicht, ob meine Liebe Sünde ist, gegen Gottes Recht verstoßt,
Doch weiß ich, dass die Qual sich all die Nächte lohnt.

Gott mag mich bestrafen, mir den Himmel verwehren,
Dennoch wird er damit nicht meine Sinne bekehren.

Soll der Herr mich verdammen, der Teufel mich holen,
verlässt du mich, fühle ich mich von Freude bestohlen.

Was ist das Paradies ohne dich, was soll ich in Garten Eden?
Du erfüllst mein Herz mit Passion, lässt mich erst Wahrheit sehen.

Das Himmelsreich wird zur Hölle wenn du nicht bei mir bist,
Gott mit all seinen Engel, egal wie makellos, reichen nicht.

Mein erster Gedanke gehört ihr, wenn ich den Tage beginne,
ich bin ihrer Anmut verfallen, vergib mir Vater im Himmel.

José David da Torre Suárez (2006)